Es
gibt nur eine Lösung: Frieden in Nahost
Uri
Avnery in München - Bericht einer beeindruckenden Begegnung (16.10.2007) Am Dienstag, dem 16.1007, war der bekannte israelische Journalist,
Schriftsteller und Friedensaktivist Uri Avnery auf Einladung der
Gesellschaft
für Außenpolitik
in München zu Gast. Avnery
ist mehr als nur einer von so vielen Journalisten und Beobachtern,
die den Nahostkonflikt mehr oder weniger von außen betrachten.
Er hat den Nahostkonflikt gelebt, und lebt ihn immer noch. So war er
während des Unabhängigkeitskriegs, der in den 40er Jahren
von den im damaligen britischen Mandat Palästina ankommenden
Juden gegen Briten und Araber geführt wurde, Mitglied der
bewaffneten Kampf- und Terrorgruppe Irgun.
Die Irgun wurde vor allem durch den verheerenden Anschlag
auf das King-David-Hotel in Jerusalem bekannt, in dem sich zu dem
Zeitpunkt das Hauptquartier der britischen Besatzer befand.
Als
es dann 1948 nach der Gründung des jüdischen Staates zum
Krieg gegen die Armeen Ägyptens, Saudi-Arabiens, Jordaniens, des
Libanon, des Irak und Syriens kam, war Avnery wieder an der Front mit
dabei, als Soldat in der israelischen Armee IDF.
Nach dieser
militärischen Karriere versuchte Avnery, seinem Land auch auf
friedlichem Wege zu dienen. Er hielt 10 Jahre lang einen Sitz im
israelischen Parlament, der Knesset. Seine Amtszeit dauerte jeweils
von 1965 bis 1973 und von 1979 bis 1981. Schon damals machte er sich
für den Frieden stark. So stellte er sich als praktisch einziger
Parlamentsabgeordneter öffentlich gegen die ehemalige
israelische Premierministerin Golda Meir, die behauptete es gebe in
Wahrheit gar kein palästinensisches Volk.
Seine Antwort
darauf gab er am Dienstag schmunzelnd so wieder: “Auch wenn fünf
Millionen Menschen nur irrtümlicherweise
denken, sie seien
ein Volk, sind sie eben doch eines.” Ein anderes Mal riskierte
Avnery mehr als nur sein Ansehen für den Frieden, als er sich
mit dem PLO-Chef Jassir Arafat in Beirut traf, um über den
Frieden zu reden. Avnery bemerkte, damals hätten sechs
israelische Kabinettsmitglieder deshalb seine Verhaftung gefordert.
Immerhin nicht seine Exekution, wie es heutzutage der israelische
Minister für strategische Angelegenheiten, Avigdor Lieberman,
für
angemessen hält.
Wenn
Avnery vor dem Hintergrund des nunmehr über 60 Jahre dauernden
israelisch-palästinensischen Konflikts als Friedensaktivist
bezeichnet wird (und sich selbst so bezeichnet), dann ist er dies
nicht aus einer Position des Pazifismus heraus. Er ist in erster
Linie ein Patriot, der für sein Land und dessen Volk eine
blühende Zukunft will. Und für ihn ist klar, dass diese
Zukunft nicht aus weiterer Unterdrückung gegenüber den
Palästinensern und anderen arabischen Nachbarn entstehen kann,
sondern einzig und allein aus Gerechtigkeit.
Schon gar nicht
ist Avnery ein antizionistischer Jude wie zum Beispiel die
Glaubensgemeinschaft Neturei
Karta, die
der Ansicht ist, die Juden dürften erst dann wieder einen
eigenen Staat im Nahen Osten haben, wenn Gott sie von ihren Sünden
frei gesprochen hat. Im Gegenteil, Avnery ist Zionist. Dies
antwortete er auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum und dass
es dabei auch darauf ankommt, was denn ein Zionist ist. Er sei
insofern ein Zionist, als dass er sich einen jüdischen Staat
Israel wünscht. Und um dessen Existenz und Legitimität zu
erhalten, will er endlich gerechten Frieden schaffen.
Die
Vorstellung Avnerys am Dienstag war nun nicht so ausführlich,
aber da galt es schließlich auch das Wort möglichst zügig
an ihn selbst weiterzugeben. Was, als er zum ersten Mal das Wort
ergriff, wohl einige Zuhörer überraschte, das war sein
beinahe fehlerfreies Deutsch. Während einige der heutigen
Knesset-Kollegen die deutsche Sprache verteufeln und deutsch
sprechenden Ehrengästen die
kalte Schulter zeigen,
weiß Avnery es besser. Er weiß dass Deutsch nicht mit
einer ewigen Schuld belegt ist, und kritisiert dahingehende
Äußerungen anderer israelischer und jüdischer
Persönlichkeiten. Fairerweise sollte aber auch erwähnt
werden, dass Avnery seinen deutschen Geburtsnamen Helmut Ostermann
abgelegt hat.
Das offizielle Thema des Vortrags von Avnery
lautete “Israel und Palästina: Ist Friede möglich?”.
Dies war selbstverständlich eine rhetorische Frage, und Avnery
verbrachte einen Großteil des Vortrags damit, zu erklären
warum ein Friede nicht nur möglich, sondern langfristig
unausweichlich ist.
Avnerys Vorstellung von einem gerechten
Frieden - und das ist eine Vorstellung, die er und seine diversen
Mitstreiter schon seit Jahrzehnten beinahe unverändert
formulieren - ist schnell umrissen: Eine Zweistaatenlösung mit
den
Grenzen von vor 1967,
einen souveränen palästinensischen Staat mit Ostjerusalem
als Hauptstadt, Israel müsste also (nicht nur seiner) Meinung
nach die Besetzung ganz Jersualems aufgeben. Genauso müssten die
Golanhöhen an Syrien zurückzugeben werden, denn “wir
brauchen sie einfach nicht”. Zu guter Letzt müssten die
unzähligen illegalen
Siedler,
ungefähr 400.000 an der Zahl, nach Israel zurückkehren,
genauso wie mindestens ein Teil der mittlerweile fünf Millionen
palästinensischen Flüchtlinge. Avnery legte Wert auf die
Feststellung, dass es sich bei den Flüchtlingen nicht um reine
Statistiken oder ein “theoretisches Problem” handelt, sondern um
lebendige und leider kontinuierlich leidende Menschen.
Von
Israel selbst zeichnete Avnery ein zweischneidiges Bild.
Entschlossene Kriegstreiber auf der einen, eine riesengroße
Friedensbewegung auf der anderen Seite.
Auf Seiten der
Kriegstreiber steht zum Beispiel ein Knesset-Abgeordneter, der laut
Avnery kürzlich folgendes gefordert hat: Israel annektiert
offiziell die bislang “nur” besetzten Gebiete (und tilgt damit
Palästina von der Landkarte). Die dort lebenden Araber bekommen
natürlich nicht die israelische Staatsbürgerschaft, sondern
werden Jordanier und auch langsam aber sicher dorthin abgedrängt. Zur
israelischen Psyche allgemein und der unheilvollen Annahme vom
auserwählten Volk sagte Avnery: “Die Mehrheit der Israelis
glaubt zwar nicht an Gott, aber daran dass er ihnen das Land gegeben
hat”.
Dem gegenüber steht die Friedensfraktion in
Israel, von der Avnerys Organisation Gush
Shalom ein
Teil ist. Diese hat auf dem Höhepunkt des Libanonkrieges 2006
bis zu 100.000 Menschen auf die Straße gebracht (gemessen an
der Einwohnerzahl Israels entspricht das mehr als einer Million
Demonstranten in Berlin, die gegen den Afghanistankrieg vorgehen
würden). Als er diese Demonstrationen ansprach, äußerte
sich Avnery auch sehr verärgert darüber, dass er während
des Krieges praktisch keine angemessene Berichterstattung über
die Friedensbewegung registrieren konnte. In den Massenmedien sei der
Eindruck propagiert worden, ganz Israel sei für den Krieg und
die Art, wie er geführt wurde.
Wenig überraschend
für einen Vortrag über den Nahostkonflikt kam Avnery auch
auf zwei wichtige Themen zu sprechen, die
Israellobby in den USA
und den herbeigeredeten Konflikt mit dem Iran. Zum Thema Israellobby
umriss Avnery kurz, was Lesern dieser Internetseite schon länger
bekannt sein dürfte. Er erwähnte Mearsheimer
und Walt
und betonte, dass die Israellobby sowohl aus einem jüdischen als
auch einem christlichen Teil besteht. Schlussendlich wiederholte
Avnery, was er schon früher zum Thema geschrieben hatte: Für
ihn wedelt beim Thema amerikanischer Außenpolitik im Verhältnis
zu israelischen Interessen sowohl der Schwanz mit dem Hund als auch
der Hund mit dem Schwanz. Bei aller Lobbyarbeit zum Wohle Israels
will er also nicht vergessen wissen, dass auch die Interessen der
amerikanischen Machthaber eine Rolle spielen.
In Bezug auf den
Iran gab Avery sich gelassen. Er gab zu bedenken, dass Ahmadinedschad
innerhalb Teherans Machtstrukturen nicht der entscheidende Faktor
sei, sondern die geistigen Führer (landläufig und meist
abschätzig auch Mullahs genannt). Und diese seien weitaus
vorsichtiger als der herausfordernde Präsident. Avnery würdigte
- wie schon einige umsichtige Kommentatoren vor ihm - die Tatsache,
dass das persische Reich seit 2000 Jahren keinen Angriffskrieg
geführt hat. Und er geht nicht davon aus, dass sich dies in
Bälde ändern würde.
Eine der wichtigsten
Botschaften, die Uri Avnery seinen Zuhörern an diesem Abend mit
auf dem Weg gab, ist für jeden von Belang, der sich Frieden und
Gerechtigkeit in Nahost wünscht: “Nur weil man für
Palästina ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man gegen
Israel ist - und umgekehrt”. Der Wunsch nach Friede und
Gerechtigkeit kann somit niemals gegen
etwas gerichtet sein, auch wenn die Aufrechterhalter der
Ungerechtigkeit dies so gerne behaupten. Nur wer einen gerechten
Frieden - wie von Avnery beschrieben - fordert, ist wirklich ein
Freund sowohl der Israelis als auch der Palästinenser, sowohl
der Juden als auch der Araber.
Drei Eindrücke hinterließ
der Vortrag vor allem: Zum Einen, und das ist der Wichtigste, dass
Uri Avnery eine herausragende Persönlichkeit ist. Möge
jener Gott, an den er übrigens nicht glaubt, ihm noch so lange
ein gesundes Leben schenken, wie er - also Avnery - es für
wünschenswert erachtet. Der Vortrag dieses Mannes war nicht nur
inhaltlich mit dem besten Wasser gewaschen, das Israel zu bieten hat,
sondern auch seine großväterlich-verschmitzte Art ließen
sofort Sympathie aufkommen.
Der zweite Eindruck ist einer, der
bei einer objektiven Betrachtung der Person Uri Avnery nicht unter
den Tisch gekehrt werden kann, wenngleich er die Verdienste dieses
Mannes um den Frieden nicht wirklich schmälert: Uri Avnery ist -
und vielleicht ist das seinem stolzen Alter geschuldet - im Hinblick
auf die Massenmedien (trotz seiner Kritik an der Berichterstattung
über seine Friedensbewegung) noch zu gutgläubig. Auf die
sinngemäße Frage, was man denn als - im Gegensatz zu ihm -
relativ einflussloser Bürger für den Frieden tun könne,
antwortete Avnery: “Sie müssen versuchen, die öffentliche
Meinung zu beeinflussen”. Bis dahin hat er ja uneingeschränkt
recht, aber dann: “Mit Leserbriefen und dergleichen”. Da ging
doch ein Schnauben durch den Saal, wissen doch die meisten der
Anwesenden, dass kaum ein wirklich wichtiger Leserbrief abgedruckt
wird.
Während seine allgemeine Einschätzung zum Iran
und dessen Präsident Ahmadinedschad- wie bereits beschrieben -
relativ umsichtig war, so zitierte leider auch Avnery die zweite Lüge
des Jahrhunderts:
Herr A. wolle “Israel von der Landkarte tilgen”. Auch die von
Avnery übernommene Aussage, Herr A. leugne den Holocaust, hätte
bei einer diesem Thema gewidmeten Debatte sicher einer Relativierung
bedurft. Doch das waren nicht die vordergründigen Fragen des
Abends.
Der letzte Eindruck ist der, dass Avnery vielleicht zu
optimistisch ist, was den Fortgang des Nahostkonflikts angeht. Es
wirkte so, als würde er selbst das unterschätzen, was er
gerade in seinem
neuesten Artikel
“Die Mutter aller Vorwände” nennt: Der so genannte Krieg der
Zivilisationen und die von den üblichen Verdächtigen
vorangetriebene Blockbildung ‘Judentum-Christentum vs. Islam’
dient den Herrschenden als Aufrechterhaltung des zerstörerischen
und ultimativ ungerechten Status Quo, so wie es früher die
Blockbildung ‘West vs. Ost’ getan hat. Und wenn sich die Welt ein
halbes Jahrhundert von der Blockbildung ‘West vs. Ost’
beherrschen lassen hat, wenn so lange die Leute verblendet waren und
die Herrschenden alle Ungerechtigkeiten damit legitimieren konnten,
wie können wir dann heute den neuen Vorwand, die neue
Blockbildung, überwinden und Gerechtigkeit
schaffen?
DaRockwilda
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