Alfred
Grosser Stern.de 12.10.2007
"Israels
Politik fördert Antisemitismus" © Volker Hinz
Mit
dem israelischen Machtanspruch kann und will sich Alfred Grosser
nicht abfinden. Ihn anzuprangern gebietet unsere Ethik - auch wenn es
heftige Kritik hagelt.
Herr
Grosser, Sie sind seit einigen Jahren einer der härtesten
europäischen Kritiker der Politik Israels. Was treibt Sie an?
Ganz
einfach: dass ich unter anderem Jude bin. Als Frankreich in Algerien
folterte und Dörfer zerstörte, habe ich mit gleicher
Vehemenz dagegen angekämpft, eben weil ich Franzose bin.
Überhaupt, wenn Grundrechte verletzt und Menschen entwürdigt
werden, dann ist es ein Grundelement unserer aller Ethik, dies
anzuprangern. Solange Palästinenser an der Mauer gedemütigt
werden, solange ein palästinensischer Staat unmöglich ist,
weil die Siedlungen und die Straßen nur für Israelis sind,
solange eine territoriale Kontinuität unmöglich ist, wird
Israel nicht in Frieden leben. Auf Dauer kann man mit Gewalt allein
nicht regieren. Wissen Sie, ich bin in Frankfurt als kleiner Junge
verachtet worden, weil ich Jude war. Ich weiß also, wie sich
das anfühlt. Und ich will deshalb nicht akzeptieren, dass Juden
andere Menschen mit Verachtung behandeln.
Sie
haben geschrieben, es brauche die Legitimation jüdischer
Herkunft, wenn es um die Kritik an Israel geht. Wie meinen Sie das?
Es
ist nach wie vor so, dass sich Deutsche zu allem Möglichen
kritisch äußern dürfen, aber nicht zu Israel.
Menschenrechtsverletzungen anderswo anprangern - kein Problem! Mit
Blick auf Israel aber kommt das nicht infrage. Ich finde das zutiefst
schockierend. Ich finde im Gegenteil, dass ein junger Deutscher, der
nichts zu tun hat mit der deutschen Vergangenheit - außer der
Verantwortung, dass sich so etwas nie wiederholen darf -, dass ein
solcher Deutscher überall dafür eintreten muss, wenn
Grundrechte verletzt werden. Aber
das kann er doch.
Da
bin ich mir nicht so sicher. In diesem Punkt stehe ich hinter Martin
Walsers Kritik an der Auschwitz-Keule. Ja, ich sehe diese Keule, die
ständig gegen Deutsche geschwungen wird, falls sie etwas gegen
Israel sagen. Tun sie es trotzdem, sagt die Keule sofort: "Ich
schlage dich mit Auschwitz." Ich finde das unerträglich.
Ich habe immer gegen Antisemitismus gekämpft. Und ich werde es
immer tun! Aber Israelkritik per se mit Antisemitismus gleichzusetzen
- das ist falsch und führt in die Irre.
Wo
ziehen Sie die Grenze? Die Karikaturen in arabischen
Medien sind reiner Antisemitismus im Sinne des "Stürmer".
Die Anklage des Antisemitismus gegen Rupert Neudeck, der in einem
guten Buch das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung
beschreibt, ist skandalös. Dazwischen gibt es viele Abstufungen.
Ist
Israel heute nicht besonders bedroht durch Hamas, Hisbollah und den
Iran? Die Bedrohung wächst ständig. Das ist
sicher richtig. Aber das hat auch damit zu tun, dass Israels
Regierung nicht einsehen möchte, dass Israel mit Macht allein
niemals sicher wird. Es muss auch die anderen als ebenbürtige
Menschen betrachten und behandeln. Israel darf unter den
Palästinensern nicht die Versuchung entstehen lassen, dass ein
jugendlicher Attentäter sich als Held verstehen kann. Und
außerdem: Wie kann man von den Palästinensern offene
Wahlen verlangen und deren Ergebnis dann nicht akzeptieren? Das
ruiniert die eigene Glaubwürdigkeit.
Haben
Sie keine Angst, mit Ihrer Kritik Rechtsradikalen in die Hände
zu spielen? Nach meiner
Friedenspreisrede 1975, in der ich die Berufsverbote hart kritisiert
habe, hieß es bei manchen Kritikern: "So sprechen auch
die Kommunisten." Soll man auf das Wort verzichten, weil es von
den Falschen ausgebeutet wird? Wenn Unrecht Unrecht ist, muss man es
benennen. Und sagen, dass gerade Israels Politik den Antisemitismus
fördert. Das sagen ja auch die israelischen Kritiker dieser
Politik.
Es
ist schon vorgekommen, dass Ihre jüdischen Kritiker interveniert
haben, nachdem Sie sich öffentlich zu Israel geäußert
haben. Was passiert da? Schwer
zu sagen. Das sind Verbindungen, es gibt ein paar Telefonanrufe oder
Beschwerdebriefe. Ich würde aber das Wort "Lobby" für
Deutschland nicht gebrauchen.
Sondern?
Das
ist ein mehr oder weniger sanfter Druck zur Selbstzensur, zum
Schweigen und zum Verschweigen. Wo sind zum Beispiel die Rezensionen
zu Konrad Löws fabelhaftem Buch "Das Volk ist ein Trost"?
Viel zu selten wird - wie bei Löw - berichtet, wie viele Juden
von mutigen deutschen Nichtjuden vor den Nazis versteckt wurden und
so überlebt haben. Bei solchen Themen, die vom Mainstream
abweichen, sollen die Journalisten stets denken: "Können
wir das so veröffentlichen?"
Interview:
Stefan Braun, Florian Gless
Alfred
Grosser war acht, als seine Familie 1933 vor den Nazis nach
Frankreich floh. Doch Deutschland ließ ihn nie los: Der
Politologe gilt als einer der Wegbereiter der deutsch-französischen
Aussöhnung
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