Rede Evelyn Hecht-Galinskis auf der PAX CHRISTI-Diözesanversammlung in der Ehemaligen Synagoge Freudental bei Bietigheim-Bissingen am 5. Okt. 2007 Liebe Friedensfreunde,
...Ich
komme aus einem liberalen Elternhaus deutsch-jüdischer
Tradition, säkular geprägt. Auf jeden Fall so „normal“
erzogen, dass es mir niemals Schwierigkeiten bereitete, meine Meinung
zu äußern.
Auch
ich hörte immer nur die mystifizierende Geschichtsschreibung
Israels, des "Unabhängigkeits- krieges“ 1948 und den Kampf des
„kleinen David gegen den feindlichen Goliath“. Aber, die gezielte Vertreibung,
die Zerstörung der palästinensischen Dörfer, die
Missachtung palästinensischen Daseins, all das wurde immer nur
als Selbstverteidigung gerechtfertigt.
Das
schlimmste Schimpfwort in Israel ARABER, das schlimmste
Schimpfwort in Deutschland ANTISEMIT, oder für jüdische
Deutsche JÜDISCHER ANTISEMIT oder JÜDISCHER SELBST- HASSER
. Alle diese Bezeichnungen werden zu Unrecht gebraucht um jegliche
Kritik an Israel schon im Keim zu ersticken. Gerade das aber erzeugt
Unverständnis, Hass und Antisemitismus.
Für
mich persönlich zeigen diese Angriffe nur die Schwäche der
Protagonisten dieses Systems der Unterdrückung, die mit
derartigen Attacken nur versuchen, ihr eigenes Handeln zu vertuschen.
Daher
ist es gerade in Deutschland Pflicht, dieses Unrecht tag-täglich,
begangen in Palästina, anzuprangern. Das Schweigen in
Deutschland muss ein Ende haben. Auch die Bundesregierung macht sich
mitschuldig an diesen Verbrechen. Es ist unser Aller Pflicht, dem
israelischen Staatsterror entgegen zu treten. Das heißt auch,
offen und deutlich auszusprechen, dass die bloße Anwesenheit
der Palästinenser den israelischen Gebietsansprüchen im
Wege steht. Das aber ist für uns auf keinen Fall hinnehmbar.
Während
endloser angeblicher Friedensgespräche geht der Siedlungsbau
massiv weiter. Die Zahl der Siedler beträgt mittlerweile schon
476.000, d.h. man hat über Jahre hinweg besiedelt und man tut es
weiter, entgegen dem Völkerrecht!
Der
hoch gepriesene Friedensnobelpreisträger und jetziger
Staatspräsident, Simon Peres, einer der Urväter des
Siedlungsbaues und der „Vater der israelischen Atombombe“, darf
hier weiter mit seiner nach ihm genannten Stiftung für das „arme
Israel“ Gelder sammeln --- für den hoch aufgerüsteten
Staat im Nahen Osten.
Von
wem werden diese Benefiz-Veranstaltungen u.A. ausgerichtet?
Von
den Söhnen der Arisierer und Medienmogulen, wie zum Beispiel dem
Burda-Konzern. Die unheilvolle Allianz von Medienkonzernen mit Israel
und dem Zentralrat der Juden in Deutschland dient dem Nutzen beider:
hier eine Millionenspende für Israel und auf der anderen Seite,
z.B., ein Hubert-Burda-Saal im Münchner Gemeindezentrum, „zu
Ehren“ des edlen Spenders, wie auch die Vergabe von Namens-
Lehrstühlen und Ehrendoktortiteln israelischer Universitäten
an deutsche Politiker, die danach kritiklos die Politik Israels
unterstützen.
In
dasselbe Schema passt die Verleihung des Titels „Weltstaatsmann“
an die Bundeskanzlerin, kürzlich in New York von einer so
genannten „Interreligiösen Gruppe“ – Stiftungsgründer
Rabbi Arthur Schneier, Laudator Henry Kissinger.
Laut
der Rede Frau Merkels vor der UNO-Vollversammlung ist das
Existenzrecht Israels deutsche Staatsraison. Wenn schon, dann geht es
um das Existenzrecht der Palästinenser, denn Israel
existiert bereits, von 160 Staaten der Weltgemeinschaft anerkannt.
Offensichtlich geht es heute um die Zementierung der israelischen
Expansion, Vertreibung und Unrechtspolitik im Bewusstsein der
deutschen Öffentlichkeit - dies unter Mithilfe der
Bundesregierung, die sich völlig dem Einfluss der Vereinigten
Staaten und Israels untergeordnet hat.
Dazu
gehört ebenfalls das Einschüchterungs-Ritual anlässlich
jedes offiziellen Besuches jeder deutschen Persönlichkeit in Jad
Vaschem als ständigen Pflichtbesuch unter Missbrauch der
Opfer für politische Zwecke. Tatsächliche Überlebende
jedoch werden vom eigenen Staat derart schäbig behandelt, dass
sich inzwischen viele von ihnen dazu entschlossen haben, ihren
Lebensabend menschenwürdiger in Deutschland zu verbringen –
nach Jahrzehnten enttäuschter Hoffungen in Israel.
Wer
denkt bei uns eigentlich an das Schicksal der früher für
das Land so bedeutsamen palästinensischen Christen? Von um die
20 Prozent christlicher Palästinenser blieben, um dem von der
Besatzung erzeugten Elend zu entkommen, nur noch unter 2 %! Muss
unsere Sorge darüber hinaus nicht auch den über 11.000
Palästinensern, darunter zahlreiche Frauen und Kinder in
israelischen Gefängnissen, größtenteils ohne Anklage
und Gerichtsbeschluss, gelten?
Wir
alle wissen um die unheilvolle Wirkung einer Mauer. Darum sollte
unsere Aufmerksamkeit auch den Menschen und Familien gelten, den so
genannten „Mauer-Leuten“, denen durch die illegale Annexionsmauer
dauerhaft die Lebensgrundlage genommen wurde.
Aufgrund
ständiger Interventionen und Pressionen der Israel-Lobby wird es
für kritische Stimmen immer schwieriger, in der medialen
Berichterstattung Gehör zu finden.
Ich
möchte Ihnen hier ein persönliches Beispiel nennen: Nach
meinem zweiten Israel-kritischen Interview im Deutschlandfunk, in dem
ich die katholischen Bischöfe gegen ungerechtfertigte Angriffe
verteidigte, erfuhr ich durch einen mir zugespielten Brief des Arno
Lustiger an den Intendanten des Deutschlandradio Ernst Elitz, in dem
Lustiger mich als Vertreterin einer „Einzelmeinung einer
Minderheit“ bezeichnete, die, „bitteschön, nicht mehr im
DLF interviewt werden solle“. Daraufhin schrieben Professor Alfred
Grosser aus Paris, Peter Vonnahme, Prof. Fanny Reisin und Andere an
den Intendanten einen Protestbrief, der bei allen bis heute
unbeantwortet blieb.
Arno
Lustiger hatte schon eine unrühmliche Rolle gespielt, zusammen
mit führenden Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Frankfurts
und des Zentralrats und Mitgliedern von „honestly concerned“ ---
bei der geplanten Buchvorstellung von Rupert Neudecks Buch „Ich
will nicht mehr schweigen“ in Frankfurt am Main: ICH WILL NICHT
MEHR SCHWEIGEN! - Das sollte auch unser Motto sein!
Der
selbe Lustiger wird am kommenden Montag im Bundestag auf Einladung
der Vizepräsidentin des Bundestages, Frau Petra Pau („Die
Linke“) ein Buch des Honestly-Concerned-Autors Sascha Stawski und
Prof. Schöps vom Berliner Moses-Mendelsohn-Zentrum „Neuer
Alter Judenhass“ vorstellen. Auch hier erweist sich die
offensichtlich erfolgreiche
Strategie der Israel-Lobby, Einfluss auf alle Parteien und gesellschaftlich
relevante Gruppen auszuüben.
Das
geht gelegentlich so weit, dass Israel-Kritiker, wie die israelische
Menschenrechtsanwältin und Trägerin des „Alternativen
Nobelpreises“, Felicia Langer derart persönlich diffamiert
werden, dass es ihnen nur möglich ist, unter Polizeischutz
aufzutreten.
Im
Gegensatz dazu werden „politisch korrekte“ Islamophobe und
gefährliche Brandstifter wie H.M. Broder mit dem
Ludwig-Börne-Preis oder Ralph Giordano mit dem
Heinrich-Heine-Preis belohnt. Mit solchen falschen Signalen zündelt
man an einer Zeitbombe, indem man Moslems grundsätzlich mit
Terroristen gleichsetzt und alles, was Israel
tut, heroisiert.
Mich
macht ganz besonders die Sprachmanipulation in unseren Medien
betroffen:
-
Palästinenser = Terroristen,
-
Israeli = Selbstverteidiger -
Widerstandskämpfer = Terroristen -
Israelische Armee = „saubere“ Armee -
Zionismus = Patriotismus -
Gute Israeli - Böse Araber -
Israeli werden ermordet, Palästinenser werden getötet -
Außergerichtliche Hinrichtungen von Palästinensern sind gezielte
Tötungen, -
Palästinenser gelten immer als schuldig, weil sie „Terroristen“
in ihrer Nähe dulden -
sollte aber die „humanste Armee der Welt“ Kollateralschäden
anrichten, d.h. „aus Versehen“ Kinder töten, von denen man
vermutete, sie planten Selbstmordattentate, folgt ein Bedauern, mehr
nicht! -
IDF = Israel Defence Forces (....Verteidigungsarmee!---) Und
das sind nur einige Beispiele für die Gehirnwäsche, der wir täglich unterzogen werden.
Durch
mein jetziges Engagement habe ich auch Einblicke gewonnen, die ich
nie für möglich gehalten hätte!
Deutsche
Auslandskorrespondenten werden in Israel massiv von oberster Stelle
unter Druck gesetzt, d.h. es wird ihnen mit Repressalien gedroht, die
auch vor persönlichen Diffamierungen nicht zurückschrecken,
damit sie nicht mehr über die Wahrheit berichten, sondern sich
an staatliche Presseerklärungen halten.
Was,
werden Sie mich nun fragen, können wir Europäer, wir
Deutsche tun? Ich, zum Beispiel, achte bei meinen Einkäufen
akribisch darauf, keine als „israelisch“ deklarierten Waren, die
aber in Wirklichkeit aus den illegal besetzten Gebieten stammen, zu
kaufen. Wie Sie wissen, ist der Siedlungsgüterexport „made in
Israel“ ein Kernproblem des Nah-Ost-Konfliktes. So, wie die
„Jüdische Stimme“ im August erfolgreich vor der Berliner
Kaufhof-Niederlassung anlässlich der „Kaufhof-AG-Israel-Wochen“
gegen das Unterlaufen des internationalen Freihandelsabkommens
Israel-EU protestierte und damit viele Menschen wach rüttelte,
können wir alle gegen unrechtes Handeln protestieren und ein
Zeichen setzten.
Ein
anderes, sehr großes Problem liegt mir am Herzen: während
des letzten Libanon-Krieges warf die israelische Luftwaffe noch in
den letzten Stunden der Kampfhandlungen, als der
Waffenstillstandstermin der UNO längst bekannt war, mehr als
eine Millionen Streubomben ab und machten damit einen ganzen
Landstrich für Jahrzehnte nahezu unbewohnbar. Da frage ich Sie,
wie lange wollen wir es noch hinnehmen, wenn Israel ständig
Zerstörungen anrichtet, mit dem bewussten Ziel der verbrannten
Erde, weil Israel genau weiß, dass wir klaglos zahlen. Gilt
nicht auch hier das allgemein gültige Verursacherprinzip? Wer
den Schaden anrichtet, hat für dessen Beseitigung zu sorgen!
Ganz
persönlich betrachte ich als mein Anliegen, als Bürgerin
unseres Landes, gerade aufgrund der Vorgeschichte, auch und gerade
meiner eigenen und der meiner Familie, die richtigen Schlüsse zu
ziehen, Unrecht nicht tatenlos hinzunehmen. Ich bitte Sie darum sehr
eindringlich, gerade hier in Deutschland gegen Menschen verachtende
Politik
mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu opponieren. Das hat nichts mit
Religionszugehörigkeit zu tun, wie uns immer wieder eingeimpft
wird, egal ob katholisch, evangelisch, jüdisch, muslimisch oder
agnostisch, jeder einzelne Staatsbürger ist zur Erfüllung
seiner Bürgerpflicht aufgerufen.
Sagen
wir nicht „wir haben es nicht gewusst!“
Aus
diesem Grund hab ich mich der „Jüdischen Stimme“, dt.
Sektion der Europäischen Juden für einen gerechten Frieden
in Nahost“ angeschlossen, um mich nicht von einer verbrecherischen
Politik missbrauchen zu lassen.
Erlauben
Sie mir bitte, eines meiner Lieblingsgedichte von Erich Fried aus dem
Jahr 1967 vorzutragen:
Höre
Israel! Als
wir verfolgt wurden war
ich einer von Euch wie
kann ich das bleiben wenn
Ihr Verfolger werdet? Eure
Sehnsucht war wie
die anderen Völker zu werden die
Euch mordeten nun
seid Ihr geworden wie sie
Zur
Person: Evelyn
Hecht-Galinski ist Tochter des früheren Vorsitzenden des
Zentralrates der Juden in Deutschland und Mitglied der Organisation
Europäische Juden für einen gerechten Frieden.
«... ich habe
mir das Lebensmotto meines Vaters zu eigen gemacht: Ich habe
Ausschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu
schweigen.» Evelyn Hecht-Galinski am 9.3.2007
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